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Selbstbestimmung versus Selbstverantwortung
Peter Jordan
24.02.2014 21:06

Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sind wichtig für jeden von uns - soweit sind wir uns einig. Doch gibt es nicht Situationen, wo wir uns selbstverantwortlich eigentlich gestehen müssten, die eigene Selbstbestimmung nicht mehr im Griff zu haben oder sie schwinden zu sehen? Und wie reagiert man am besten darauf?


Jörg Blume
02.03.2014 22:04

Das Thema stellt sehr komplexe philosophische Themengebiete zur Debatte. Daher erscheint die Fragestellung in der Kürze eines Beitrags zu komplex. Umso mehr will ich versuchen das Thema aus meiner Sicht verständlich zu behandeln.

Eigenverantwortung, oder auch Selbstverantwortung genannt, steht dafür, dass Menschen für all ihr Tun oder Nicht-Tun verantwortlich sind. 

Selbstbestimmung steht für die Möglichkeit und Fähigkeit das Eigene, alles was unser Leben und Sterben betreffen kann, selber selbstverantwortlich zu bestimmen.

Es werden hier also eine Verpflichtung mit einer Möglichkeit in Verbindung gesetzt. Aber, alleine die Tatsache, dass sich z.B. das Ableben eigentlich immer der eigenen Verantwortlichkeit entzieht, auch unter Auslassung religiöser Anschauungen, weil komplexe Umgebungsbedingungen durch den Menschen nicht steuerbar sind, zeigt sich, dass die Selbstbestimmung als natürliche Folge ebenfalls schwer zu steuern ist.

Kurz gesagt wenn mich z.B. eine Erkrankung zum Sterben zwingt wird es schwierig den von mir vorgezogenen Freitod als selbstbestimmt zu bezeichnen, auch wenn ich dies so sehen will, weil ich die Entscheidung hierzu, den Zeitpunkt und die Methode selber bestimmen kann.

Auf gut Deutsch: Nimm alles in die eigene Hand, bedenke dabei was dein Handeln oder Nicht- Handeln auslösen kann und akzeptiere dabei die beschränkten Mittel die dir zur Verfügung stehen alles selbst zu bestimmen. Ob du dabei an etwas Anderes glaubst als an Dich selber macht es vielleicht leichter, oder auch nicht.

Alles andere müsste man meiner Meinung nach am konkreten Beispiel diskutieren.

 

 


Claus Schmid
04.03.2014 08:25

Verehrtes Forum

Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sind zwei Begriffe, die mit ihrer ersten Worthälfte auf die eigene Person oder ein Individuum gerichtet sind. Sie unterstellen, jeder könne frei für sich bestimmen und sei für seine Handlungen selbst verantwortlich.

Auch ohne philosophische oder juristische Grundausbildung - oder vielleicht auch gerade deshalb - habe ich hier Zweifel, dass dem so ist.

Beide Begriffe setzen persönliche Freiheit voraus, sich also ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten selbst entscheiden zu können. Soweit ich in der Schule richtig zugehört habe, wird meine Freiheit dort eingeschränkt, wo mein Handeln die Freiheit Dritter für diese ungewollt beeinträchtigt oder beschränkt. Daher gibt es wohl unsere Gesetze, die das Zusammenleben in der Gemeinschaft und die Rechte sowie Pflichten des Einzelnen regeln. Hier sei auch die Anmerkung gesetzt, dass alles Gesagte vom jeweiligen Rechtsgebiet oder Staat teilweise sehr unterschiedlich geregelt wird. Um konkret zu werden zwei Beispiele:

a) Ist ein betrunkener Autofahrer voll verantwortlich für den verursachten Unfall? Die Antwort gibt der Richter und lautet in Deutschland vermutlich anders als in Teheran.

b) Darf ich selbstbestimmt und selbstverantwortlich den Arzt meines Vertrauens damit beauftragen, mir am Ende eines leidvollen Lebens den Tod zu geben? Auch diese Antwort ist in Deutschland gesetzlich geregelt und steht  bei aktiver Sterbehilfe unter Strafe.

Es sei aber auch ein anderer Blickwinkel beleuchtet. Nämlich die Frage, wieweit unsere Gesellschaft mit ihren Institutionen dazu beiträgt, dass Selbstbestimmung und Selbstverantwortung im Kontext dieser Plattform als Last von der Schulter der Betroffenen genommen wird. Medienberichte über die Versorgung und Betreuung schwerstkranker und alter Menschen in Pflegeheimen versachen immer wieder Ängste über die eigene Zukunft. Das Leben, unser wichtigstes und nicht veräusserliches Gut, darf in solchen Situationen nicht Privatsache bleiben, sondern muss geschützt und menschenwürdig erhalten werden. Wir sind heute weit entfernt von Götz Aly`s Gesellschaftsgeschichte "Die Belasteten - Euthanasie 1939 - 1945". Das ist richtig so. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel.

Gefühlsmäßig muss sich meines Erachtens unsere Gesellschaft den Herausforderungen unserer älter werdenden Menschen intensiver stellen. Gerade im Zeitalter des globalen Individualismus dürfen egozentrische Begriffe mit "Selbst" nicht als Antwort auf wichtige Lebens(-end-)fragen benutzt werden. Oder noch deutlicher: die Güte einer Gesellschaft wird sich daran messen lassen müssen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.

Ihr

Dr.-Ing. Claus Schmid

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